Fachtagung Was Handwerksbetriebe zur Technikgeschichte beitragen können

Eine Tagung von ZDH und VDI im Februar 2027 will klären, wie sich technisches Wissen über Jahrhunderte entwickelt hat – und was davon im KI-Zeitalter erhalten bleiben sollte. Praxisberichte aus Betrieben sind ausdrücklich erwünscht. Wie die Bewerbung funktioniert und welche Themen gefragt sind.

Historische Bügeleisen: Handwerk und Technik hängen eng zusammen. - © Victor Kaprov - stock.adobe.com

Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) und der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) suchen Beiträge aus Wissenschaft und Praxis für eine gemeinsame technikhistorische Tagung. Auch Handwerksbetriebe sind ausdrücklich eingeladen, sich mit eigenen Projekten zu beteiligen.

Am 18. und 19. Februar 2027 veranstalten der Interdisziplinäre Arbeitskreis Handwerksgeschichte des ZDH und das Interdisziplinäre Gremium Technikgeschichte des VDI diese Tagung im Haus des Deutschen Handwerks in Berlin. Unter dem Titel "Technische Expertise: Bildung, Praxis, Zusammenarbeit – Handwerk und Ingenieurwesen in der Geschichte" soll ausgelotet werden, wie sich technisches Wissen in beiden Berufsfeldern über die Jahrhunderte entwickelt hat, wo es verloren ging und in welchen Formen es neu entstand.

Wer einen Beitrag einreichen möchte, hat dafür bis zum 15. Mai 2026 Zeit. Vorschläge – eine Kurzbeschreibung (Abstract) von maximal 500 Worten und ein einseitiger Lebenslauf – gehen an technikgeschichte@vdi.de. Bis Mitte Juni 2026 sollen die Einreicher eine Rückmeldung erhalten.

Jenseits von "Praxis" und "Theorie"

Die Tagung will laut dem Aufruf ein verbreitetes Klischee hinterfragen: Handwerk gleich körperliches Erfahrungswissen, Ingenieurwesen gleich angewandte Naturwissenschaft. Die Forschung zeige seit langem, dass es in beiden Berufsfeldern weit über diese Pole hinaus zahllose Formen von Expertise gebe. Bei jeder konkreten Aufgabe mischten sich diese in immer neuen Konstellationen – und bestimmten über Erfolg oder Scheitern. "Mit Blick auf die technische Expertise, die Ingenieuren und Handwerkern gemeinsam ist, möchte die Tagung neue Erkenntnisse vorstellen", erläutert Titus Kockel, Referatsleiter Kultur beim ZDH. Es gehe um die Frage, ob und wenn ja wie sich Bildungswege, Arbeitspraxis und Kooperation zwischen Ingenieurwesen und Handwerk in Geschichte und Gegenwart in Wirklichkeit nicht viel stärker durchdrangen, als dies die üblichen Modelle einer "sauberen Trennung" zwischen Theorie und Praxis glauben machen wollen.

Technisches Wissen sei dynamisch, heißt es im Aufruf ("Call for Papers") weiter. Neue Technologien und Materialien hätten ebenso dazu beigetragen wie neue Medien und Hilfsmittel: von Notizbüchern, Skizzen und Fachliteratur über Modelle, Prüfgeräte und Versuchsanordnungen bis hin zu computergestützten Simulationen. Die gegenwärtigen Umbrüche durch Künstliche Intelligenz seien im Rückblick auf die Geschichte Teil einer weit längeren Entwicklung – Ausbildung und Arbeitsalltag in Handwerk und Ingenieurwesen seien davon gleichermaßen betroffen. An diesem Punkt wolle die Tagung eine gemeinsame Standortbestimmung leisten: Welches "alte" Wissen sollte bewahrt werden, und welche Herausforderungen stellen sich in handwerklichen und ingenieurtechnischen Berufen? Der Blick zurück solle dem Nachdenken über aktuelle Entwicklungen Impulse geben.

Praxisberichte ausdrücklich erwünscht

Der Aufruf richtet sich laut ZDH und VDI an Menschen mit verschiedenen beruflichen Hintergründen. In der Wissenschaft sind vor allem Angehörige der Ingenieurwissenschaften, Sozial-, Wirtschafts- und Technikgeschichte, Museologie, Kulturanthropologie, Kunstgeschichte, Ökonomie, Soziologie und Pädagogik angesprochen. Ebenso willkommen sind an Museen, in der Restaurierung oder Denkmalpflege Tätige – insbesondere wenn sie historische Handwerkspraktiken und Arbeitstechniken pflegen, anwenden und lebendig vermitteln. Auch alltagsnahe, weniger akademische Berichte zu Projekten im Bereich der historischen technischen Expertise seien erwünscht. Damit öffnet die Tagung ihre Türen bewusst auch für Handwerksbetriebe, die sich mit der Geschichte ihres Gewerks oder ihrer Arbeitstechniken beschäftigen.

Inhaltlich gliedert sich die Tagung in mehrere Themenfelder. Ein Schwerpunkt liegt auf Ausbildung, Bildung und Weiterbildung in Handwerk und Ingenieurwesen: Wie haben sich Berufsbilder und Bildungskarrieren entwickelt? Wo überschneiden sie sich, wo verlaufen sie getrennt? Wie durchlässig sind akademische und berufliche Bildung – etwa bei Karrierewechseln zwischen Handwerk und Industrie? Auch international vergleichende Perspektiven auf Ausbildungswege und technische Bildungseinrichtungen sind gefragt.

Ein zweites Themenfeld widmet sich der Zusammenarbeit von wissenschaftlichen Einrichtungen und Museen mit Fachleuten aus Ingenieurwesen und Handwerk bei der Vermittlung historischer Arbeitstechniken. Dazu gehören etwa der Wissenstransfer in seltenen Handwerken und Gewerben ohne geregelte Ausbildung sowie die Betreuung von Reparaturcafés und deren Beitrag zur Breitenvermittlung handwerklicher Fertigkeiten.

Ein drittes Feld betrifft die Rolle von Expertise aus Handwerk und Ingenieurwesen in der historischen Arbeitspraxis: Wie sah die konkrete Zusammenarbeit etwa im Bauhandwerk aus, wo die Grenzen zwischen den Disziplinen verschwammen? Wie gestaltete sich die Kooperation beim Bautenschutz oder Maschinenbau? Und schließlich fragt die Tagung auch nach der Rolle von Netzwerken und Strukturen aus Handwerk und Ingenieurwesen in der Politik – von den Zünften über die Technokratiebewegung bis hin zur Funktion von Kammern und dem VDI selbst.

Formate und organisatorische Details

Individuelle Vorträge sind laut Aufruf in der Regel 20 Minuten lang, gefolgt von einer maximal zehnminütigen Diskussion. Darüber hinaus können auch Formate abseits des klassischen Vortrags sowie Vorschläge für ganze Sektionen oder Panels eingereicht werden. Je nach Anzahl der angenommenen Beiträge behalten sich die Veranstalter vor, einzelne Vorträge in alternative Formate wie etwa einen Roundtable einzubinden.

ZDH-Experte Kockel konkretisiert die Anforderungen an den Kurzbericht: Das Abstract sollte in aller Kürze Auskunft geben über:

  1. Problemstellung (Worum geht es? Warum ist das Thema relevant? In welchem größeren Kontext steht Ihre Arbeit?)
  2. Forschungsfrage oder Zielsetzung (Welche konkrete Frage beantworten Sie? Oder: Was ist das Ziel Ihrer Untersuchung?)
  3. Methodik (Welche Methode haben Sie in der Hauptsache verwendet (Experiment, Umfrage, Interview, Simulation, theoretische Analyse etc.?) Welche Daten / Materialien haben Sie verwendet? Systematisch / Stichprobenartig?)
  4. Ergebnisse (Was haben Sie herausgefunden? Konkrete Befunde)
  5. Diskussion / Bedeutung (Was bedeuten Ihre Ergebnisse? Welche Auswirkungen haben sie? Warum ist das wichtig für Ihr Fachgebiet?)
  6. Fazit (Was ist der wichtigste Beitrag Ihrer Arbeit? Oder: Wie kann man Ihre Ergebnisse zukünftig anwenden?)

Für Fragen steht beim ZDH Titus Kockel (030/20619-335, kockel@zdh.de) zur Verfügung.

Einen Tagungsband wird es nicht geben. Die Veranstalter weisen jedoch darauf hin, dass die vom VDI mit herausgegebene Zeitschrift "Technikgeschichte" an Aufsätzen interessiert sei. Ein Tagungsbericht soll in der "Technikgeschichte" erscheinen. Die Tagung ist kostenfrei. Reise- oder Übernachtungskosten können allerdings nicht übernommen werden, Honorare werden nicht gezahlt.

Warum sich das Handwerk seiner Geschichte stellen sollte

Die Tagung reiht sich in ein wachsendes Engagement des ZDH für die Aufarbeitung der Handwerksgeschichte ein. Bereits 2013 fand im Haus des Handwerks eine erste Tagung statt, aus der der Interdisziplinäre Arbeitskreis Handwerksgeschichte hervorging. Dieser Arbeitskreis hat unter anderem den Preis für Handwerksgeschichte maßgeblich befördert, den der ZDH inzwischen zum zweiten Mal vergeben hat. Der Preis soll laut dem Historiker Ulrich Soénius deutlich machen, dass die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte für Branchen und Unternehmen ein Imagegewinn sei, und Betriebe dazu animieren, Quellen aufzubewahren und der Forschung zur Verfügung zu stellen.

Denn die Handwerksgeschichte weist nach Einschätzung von Fachleuten erhebliche Lücken auf. Während das Handwerk im Mittelalter und in der frühen Neuzeit gut erforscht sei, gebe es für die Zeit seit der Französischen Revolution noch viele offene Fragen, erklärte Soénius in einem Interview mit der Deutschen Handwerks Zeitung. Das betreffe etwa die Rolle des Handwerks bei der Verbreitung der Industrialisierung, bei der Entwicklung des demokratischen Staatswesens, im Nationalsozialismus, bei der Entnazifizierung, beim Wiederaufbau, in der DDR-Zeit oder bei der Einführung moderner Technologien. Auch die Quellenlage sei ein Problem: Während Konzerne oft eigene Firmenarchive unterhielten, fehlten solche Bestände bei kleinen und mittleren Betrieben häufig. Dabei könnten laut Soénius schon Auftragsunterlagen, Korrespondenz, Lohnbücher oder Kalender wertvolle Quellen sein – "nur so kann das Handwerk auch eine Rolle in der Geschichtsschreibung erhalten".